Wie ich zum ersten Mal mit dem Fahrstuhl stecken blieb.

Es ist eng und stickig. Den Körper an die mit dunkelblauem Teppichbelag überzogene Wand gepresst; den Kopf – eine Eule imitierend- verdreht, um den Mief von Essensgerüchen und Schweiß nicht einzuatmen, der aus dem Teppich strömt; der verlegen Blick in den gesprungenen Spiegel und dann nach unten. Zwei Mädchen kichern. Einer hat Knoblauch gegessen. So ferchen wir uns für gewöhnlich in unseren winzigen Fahrstuhl im Wohnheim. Ein heftiger Ruck. Endlich da. Hat bisher immer geklappt- nur heute früh ging plötzlich gar nichts mehr.

Eile mit Weile
So etwas passiert für gewöhnlich nur, wenn man gerade in Eile ist oder die Hauptrolle in einem schlechten Film spielt: 8 Uhr 30. Ich bin spät dran, sprinte in den leeren Fahrstuhl, schlage die Tür hinter mir zu und drücke kraftvoll den schwarzen Gummiknopf neben der Null. Doch der Lift hoppelt nicht wie gewöhnlich mit einem erschütternden Ruck in die Tiefe, sodass man sich für einen kurzen Moment im freien Fall gelaubt. Nein- er schleift. Er schleppt sich, begleitet von einem gequälten Quietschen, Zentimeter für Zentimeter nach unten. Unbehagen. Verwirrung. Ist der Aufzug noch muede oder was ist hier los?

Ich drücke auf die 6. Ich hämmere auf die 5. Keine Reaktion. Keine Chance. Der Aufzug seilt sich langsam und geduldig ab ohne auch nur an einen Zwischenstopp zu denken. Zeit für einen kleinen Exkurs:

Offene Tür
Der deutsche Durchschnittsaufzug -soweit ich das beurteilen kann- hat doppelte Türen. Eine ist von innen an den den ‘Fahrstuhl-Käfig’ angebracht, die andere schliesst den Schacht vom Gebäuderaum aus. Unser Fahrstuhl in Hostivař hat nur die äußere Tür, die sich nicht mechanisch öffnet, sondern die man nach der Ankunft erst von innen öffnen kann. Und so fahren auf meinem Weg ins Erdgeschoss die Türbeschriftungen an mir vorbei: 7 … 6 … 5 … Pussy Crew was here …4 … 3.

Ich folge ungeduldig dem Countdown. Der Fahrstuhl wird langsamer. Noch langsamer! Ich helfe mit den Händen nach: Drücke meine Handflächen von innen gegen die beige lackierten Metalltüren und versuche mich abzustoßen, die Handflächen nach oben zu schieben um so mit dem Aufzug weiter nach unten zu gelangen. Wir werden noch langsamer. Ich gehe leicht in die Hocke, drücke fester, spanne meine Arme bis zur Verkrampfung an- da bleibt der Aufzug mit einem sanften Decrescendo stehen.
Die Null kann ich schon sehen. Ich hänge also zwischen Erdgeschoss und erstem Stock fest.

Schlechter Zeitpunkt
In meinem Gebäude leben schätzungsweise 120 Erasmus-Studenten und ich kenne keinen, der lieber die Treppe nimmt. Also gute Voraussetzungen gefunden zu werden bevor der Verwesungsgeruch einsetzt. Ich klopfe gegen die Tür. Ich hämmere auf den Knopf neben der Klingel als sei es der Panic Button. Nüscht. Kein Geräusch, kein Mucks. Mittwochs, 8 uhr 30– eine Zeit, zu der der Durchnitts-Erasmusstudent sich erneut im Bett umwälzt um die nächste Tiefschlaf-/Ausnüchterungsphase einzuleiten. Ein paar endlos lange Minuten kriechen dahin.

Vertrauen ist gut
Kann ich hier drin ersticken? Wohl eher nicht. Ist auch keiner da, der mir die Lauft wegatmen kann. Gott sei Dank. Kam schon mal jemand bei einem ‘Fahrstuhlunglück’ ums Leben? Nie gehört. Zumindest nicht in Deutschland. Und da liegt die Krux: Den deutschen Sicherheitsstandars sei Dank, kommt es selten zu Ungluecken. Aber das blanke Vertrauen der Tschechen in Aufzüge ist anscheinend größer. Zumindest konnte ich noch nie eine TÜV-Plakette entdecken. Und ich habe hierzulande schon Fahrstühle gesehen, denen ich die Feuerleiter vorgezogen hätte. Nie habe ich mich so nach dem deutschen Sicherheitsfetisch– ich kann meinen Gedanken nicht zu Ende denken. Das Licht geht aus. Warum wirkt im Dunkeln immer alles soviel bedrohlicher?

Es waren wohl letztlich nur ein paar Minuten bis ich zwei Männerstimmen auf dem Flur hören konnte. “Hello? Can you help me? Im stucked in here.” Stille. Haben die mich jetzt nicht gehört oder hab ich mich so undeutlich ausgedrückt? “THE ELEVATOR IS NOT MOVING!” Mein Ohr an die kalte Metalltür gedrückt, höre ich ein erstauntes “Oh!”.  Na endlich. Un dann ein: “Okay, calm down. We are going to the reception.”  Erleichterung. Hoffen. Ich schließe die Augen und bereite mich innerlich auf meine Rettung vor als der Aufzug heftig ruckelt. Ich fahre! In Normalgeschwindigkeit.

2…3..4..5… ich erschlage die Putzfrau fast als ich aus dem Fahrstuhl springe. Sie guckt mich auf großen Augen an als ich realisiere, dass ich auf Deutsch auf sie einrede und ihr dafür danke, dass sie mich gerade befreit hat. “Nerozumím”, sagt sie freundlich. Ich kann mich gerade noch zusammenreißen ihr nicht um den Hals zu fallen und ihr mein Sparbuch zu schenken (was bei mir keine allzu große Sache ist, wenn man sich den aktuellen Kontostand anschaut*) und stürze die Treppe hinunter. Ich bin spät dran.

*Anspielung darauf, dass mein Erasmus-Stipendiat immer noch nicht da ist, falls jemand vom Akademischen Auslandsamt in Leipzig diesen Blog liest. ;-)